Neugeborenen-Screening

Neugeborenen-Screening auf angeborene Stoffwechselerkrankungen und Endokrinopathien

Früherkennungsuntersuchung zwischen 36 und 72 Lebensstunden, umfasst Hypothyreose-, AGS-, Galaktosämie-, Biotinidase-Screening, Screening auf Aminoazidopathien, Screening auf Organoazidurien und Störungen im Transport und Abbau von Fettsäuren. Abnahme so nahe wie möglich an 36 Lebensstunden, um früh intervenieren zu können.

Das Neugeborenen-Screening auf angeborene Stoffwechselerkrankungen und Endokrinopathien dient der Früherkennung behandelbarer Störungen, die zu geistigen und körperlichen Behinderungen und auch zum Tod führen können, wenn die Behandlung zu spät oder gar nicht einsetzt. Das Modellprojekt zur Neuordnung des Neugeborenen- Screenings in Bayern, das am 1. Januar 1999 gestartet wurde, beinhaltete eine deutliche Erweiterung des Untersuchungsumfangs, neue Untersuchungsmethoden sowie Maßnahmen zur Verbesserung der Prozessqualität. Die Ergebnisse des Projektes haben wesentlich zur bundesweiten Einführung des erweiterten Screenings als Regelleistung zum 1. Juli 2005 beigetragen.

Die Laboruntersuchungen des Pilotprojektes wurden seit 1999 zentral für ganz Bayern in unserem Labor durchgeführt. Bis zum März 2003 hatten wir hierfür als einziges Labor in Bayern die Zulassung. Mittlerweile nutzt auch eine große Zahl der Geburtshilfeeinrichtungen in NRW unser Angebot.

Durch das Vorsorgezentrum des öffentlichen Gesundheitsdienstes wurde ein Tracking-System aufgebaut, das die vollständige Untersuchung aller Neugeborenen in Bayern und ggf. die Nachsorge bei positiven Befunden sicherstellt. Die Nachverfolgung kontrollbedürftiger Fälle außerhalb Bayerns erfolgt durch das LABOR.

Elterninformation: Die Teilnahme am Neugeborenen-Screening ist freiwillig. Deshalb ist die schriftliche Einwilligung eines Elternteils notwendig. Grundsätzlich gelten für das Screening die Regularien des Gendiagnostikgesetzes. Die Einwilligung ist zum einen für die Durchführung der Untersuchung selbst erforderlich (medizinischer Eingriff) und zum anderen für die Datenübermittlung beim Tracking (datenschutzrechtlicher Eingriff). In Anbetracht des hohen Nutzens gibt es keine plausiblen Gründe, das mit nur minimalem Risiko (Fersenpunktion) verbundene Screening abzulehnen. Informierte Eltern von Neugeborenen stimmen deshalb fast vollständig dem Screening zu und können sich dann auf eine sachgerechte, qualitätsgesicherte Durchführung verlassen.

Zur Information der Eltern stehen Faltblätter mit dem Titel „Neugeborenen- Screening - Elterninformation zur Früherkennung von angeborenen Stoffwechseldefekten und endokrinen Störungen bei Neugeborenen“ zur Verfügung. Am besten werden diese Faltblätter - mit anliegender Einwilligungserklärung - schon bei der Aufnahme in die Geburtsklinik ausgehändigt. Die ausgefüllten Einwilligungserklärungen werden zur Patientenakte genommen und verbleiben dort. Sie sollen nicht ins Labor oder an das Vorsorgezentrum geschickt werden.

Zeitpunkt der Probenahme: Oberstes Ziel ist die frühestmögliche Erkennung betroffener Kinder, um diese umgehend einer Behandlung zuzuführen. Der optimale Zeitpunkt der Blutabnahme liegt zwischen 36 und 72 Lebensstunden (siehe Kinderrichtlinie §8 (1)).

Auch bei ambulanter Entbindung bzw. Frühentlassung aus der Geburtsklinik innerhalb der ersten 36 Lebensstunden, bei Verlegung in eine andere Institution oder bei Bluttransfusion, Kortikosteroid-, Katecholamin-Gabe oder bei Zufuhr aminosäurenhaltiger Infusionen soll immer vorher eine Probe entnommen werden. Für die meisten der untersuchten Erkrankungen, insbesondere diejenigen, die zu akuten Stoffwechselentgleisungen führen können, bestehen gute Aussichten, schon wenige Stunden nach der Geburt erkannt zu werden. Um jedwede Zeitverzögerung zu vermeiden, arbeitet das Screeninglabor auch am Wochenende und an Feiertagen.

Aus Sicherheitsgründen muss bei einem Screening vor dem Alter von 36 Lebensstunden eine weitere Screening-Untersuchung im Rahmen der U2 durchgeführt werden (Zweitscreening). Hierfür ist den Eltern eine Zweitkarte (ohne Barcode) mitzugeben. Bei sehr unreifen Kindern (weniger als 32 Schwangerschaftswochen) muss zusätzlich zum Erstscreening ein abschließendes Zweitscreening in einem korrigierten Alter von 32 Schwangerschaftswochen erfolgen (siehe Kinderrichtlinie §8 Satz 4).

Sofern vor dem Alter von 36 Lebensstunden eine Transfusion, Kortikosteroid- oder Katecholamin-Therapie notwendig ist, soll vor Beginn der Therapie bzw. vor Transfusion ein 1. Screening abgenommen werden. In diesem Fall sollte für das Screening auf Stoffwechselprodukte (Aminosäuren, Acylcarnitine) und Hormone (TSH, 17-OHP) eine Kontrolle 5 Tage nach der letzten Transfusion bzw. Kortikosteroid- oder Katecholamin-Gabe erfolgen. Sollte kein Screening vor Transfusion erfolgt sein, muss eine zweite Kontrolle zusätzlich 6 - 8 Wochen nach der letzten Transfusion erfolgen.

Material: kapilläres Blut, in der Regel aus der Ferse, auf einer speziellen- Filterpapierkarte (im LABOR anfordern).
Dem Blut dürfen keine Gerinnungshemmer wie EDTA beigemischt sein, da sonst die Gefahr falsch negativer oder falsch positiver Ergebnisse besteht. Keine EDTA-beschichteten Kapillaren verwenden!

Um eine gleichbleibende Saugfähigkeit des Filterpapiers zu gewährleisten, müssen die Karten trocken gelagert und geschützt werden vor Kontakt mit Alkohol, Wasser, Handlotion, Puder etc.. Das Filterpapier darf nicht mit den Fingern angefasst werden.

Im Regelfall wird Kapillarblut aus der Ferse auf das Filterpapier der Testkarte getropft. Venenblut kann ebenfalls verwendet werden.

Bitte kein Blut aus venösen Zugängen verwenden, weil schon geringe Infusionsreste die Ergebnisse verfälschen können. Nabelschnurblut kann wegen seines arteriell-venösen Charakters, aber auch wegen der Gefahr einer Vermischung mit mütterlichem Blut nicht verwendet werden.Beschriftung der Testkarte: Bitte verwenden Sie ausschließlich unsere Testkarten und die von uns versandten Barcodes. Die Karten müssen vollständige Angaben enthalten.

Die Angaben zum Neugeborenen, wie z.B. das Alter bei Probenahme, Gestationsalter und das Geburtsgewicht, sind für die richtige medizinische Bewertung einiger Parameter (z.B. beim AGS-Screening) unbedingt erforderlich. Wichtige Besonderheiten sind z.B. Frühgeburtlichkeit, Transfusionen, parenterale Ernährung, verabreichte Arzneimittel oder positive Familienanamnese.

Auch Adresse und Telefonnummer der Mutter werden zur eventuellen Kontaktaufnahme unbedingt benötigt. Einige der untersuchten Erkrankungen, z.B. klassische Galaktosämie, Organoazidopathien oder Störungen im Transport und Abbau von Fettsäuren, können innerhalb von Stunden zu lebensbedrohlichen Situationen für das Neugeborene führen und bedürfen der sofortigen, notfallmäßigen medizinischen Intervention. Wenn der Einsender der Testkarte nicht erreichbar ist, wird im Notfall versucht, die Eltern direkt zu kontaktieren. Zweitkarten (z.B. zweite Abnahme wegen erster Abnahme vor dem Alter von 36 Stunden) bitte entsprechend kennzeichnen (vorgesehenes Feld ankreuzen) und neuen Barcode verwenden. Bei vom Screeninglabor angeforderten Kontrolluntersuchungen (bitte Feld "Kontrollkarte" rechts auf der Karte ankreuzen) sollte die Auftragsnummer der Erstkarte angegeben werden, es wird kein neuer Barcode vergeben. Diese Kontrollen sind kostenfrei. Wir können dann die Probe sofort dem Vorbefund zuordnen. Auf die Rückseite der Filterkarte sollten Sie Ihre Adresse stempeln, damit wir wissen, wer den Befund erhalten soll.

Blutentnahme (Handschuhe verwenden):

- Ferse erwärmen. Die Kapillardurchblutung wird am besten gesteigert durch Einwickeln in ein warmes (nicht über 42°C), feuchtes Tuch für ca. 5 Minuten. Punktionsstelle auswählen und desinfizieren, Punktion am äußeren oder inneren Fersenrand der Fußsohle, Desinfektion mit 70 %igem Isopropanol. Überschüssiger Alkohol wird mit einem sterilen Tupfer weggewischt. Die Haut muss bei der Blutentnahme trocken sein.
- Ferse mit einer Hand fixieren. Durch Fixierung zwischen Daumen und Zeigefinger (Mittel-, Ringund Kleinfinger über den Fußrücken legen) kann der Druck im Fersenbereich kontrolliert werden
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- Einstich mit einer sterilen Lanzette. Die Spitze sollte nicht länger als 2.4 mm sein (bei Frühgeborenen kürzere Spitzen). Die Lanzettenspitze wird unter leichtem Druck zügig in die Haut am Fußsohlenrand eingestochen. In der Sohlenmitte besteht erhöhte Gefahr einer Verletzung des Fersenbeinknochens.
- Ersten Blutstropfen abwischen (mit trockenem, sterilem Tupfer). Er enthält unter Umständen Gewebsflüssigkeit und ist für die Laboruntersuchung nicht geeignet.
- Mit nachfolgenden Tropfen Kreise der Testkarte vollständig ausfüllen. Die Blutstropfen werden in einem Schritt durch leichte Berührung von einer Seite der Testkarte so aufgetragen, dass Vorder- und Rückseite der Kreise vollständig und gleichmäßig durchtränkt sind. Möglichst alle, jedoch mindestens drei Kreise müssen befüllt werden. Es können auch Stellen außerhalb der markierten Kreise verwendet werden. Die Entnahme muss rasch erfolgen. Mit zunehmender Dauer werden gerinnungsaktive Substanzen freigesetzt, die die Tropfenbildung hemmen. Bei zu kleinen Blutflecken kann weiteres Blut von außen an den bereits vorhanden Flecken herangeflossen lassen werden. Auf keinen Fall darf der alte Fleck mehrfach oder derselbe Kreis von Vorder- und Rückseite betropft werden. Das Filterpapier sollte nicht gegen die Punktionsstelle gedrückt werden, die Ferse nicht „melken“ oder quetschen (Gefahr einer Verdünnung der Blutstropfen durch Gewebsflüssigkeit). Das Blut sollte nicht mit Kapillarröhrchen aufgetragen werden.
- Wird venöses Blut verwendet, sollte dieses frei aus der Spritze auf die Testkarte aufgetropft werden (ohne Kanüle, keine Pipettenspitzen aufsetzen). Auf jeden Kreis sollte nur ein einziger dicker Tropfen kommen. Die Spritze sollte nicht gleichmäßig auf die Testkarte entleert werden. In großen Blutflecken kann es zu ungleichmäßiger Verteilung der Blutbestandteile kommen (Chromatographieeffekt).
- Die betropften Karten sollten mindestens zwei (besser 3-4) Stunden flach liegend an der Luft getrocknet werden (keine künstlichen Wärmequellen wie Lampen, Föhn, Inkubatoren, Heizung etc. verwenden). Es ist unbedingt darauf zu achten, dass die Proben vor dem Versand von beiden Seiten gut durchgetrocknet sind. Beim Trocknen dürfen die Blutflecken nirgends aufliegen. Um eine ungleichmäßige Verteilung des Blutes zu vermeiden, sollten die Karten nicht senkrecht aufgestellt oder aufgehängt werden. Wärme, Feuchtigkeit, Desinfektionsmittel, Cremes etc. können die Testsubstanzen zerstören. Die Karten müssen vor direkter Sonneneinstrahlung geschützt werden und dürfen nicht in unmittelbarer Nähe der Zimmerheizung oder dort, wo beispielsweise Desinfektionsmittel versprüht werden (Wickeltisch etc.), liegen. Das Filterpapier darf weder vor noch nach der Probennahme mit den Fingern angefasst werden.

Probenversand: Für den Probenversand stellen wir Freiumschläge. Die Testkarten müssen vor dem Einpacken gut durchgetrocknet sein. Wenn mehrere Karten in einen Umschlag kommen, sollten diese alternierend gelegt werden (nicht Filterpapier auf Filterpapier). Die Umschläge müssen noch am Tag der Probenentnahme abgeschickt werden. Sie sollten in einen Briefkasten gesteckt werden, der noch am selben Tag geleert wird. Zeitverzögerungen beim Probenversand, z.B. durch Sammeln von Proben über mehrere Tage hinweg oder durch Umwege über hausinterne Verwaltungen, sollten unbedingt vermieden werden.

Die Testkarten sollten weder einzeln noch gesammelt in Plastiktüten gelagert oder transportiert werden. In diesen kann sich eine feuchte Atmosphäre ausbilden (z.B. durch Kondenswasser), die das Probenmaterial schädigt (Abbau empfindlicher Strukturen, z.B. Enzyme).

Sommerliche Temperaturen wirken sich nachteilig auf die Stabilität insbesondere von Enzymen (Gal-1-PUT, Biotinidase) aus. Längeres Lagern in sonnenbestrahlten Postkästen kann zu irreversiblen Veränderungen dieser Stoffe führen. Fehlbestimmungen durch Kälteeinfluss beim Transport in Wintermonaten sind dagegen nicht zu erwarten.

Dokumentation: Nach den Screening-Richtlinien der Fachgesellschaften und den Kinder-Richtlinien ist jede Stelle, die Screening-Untersuchungen veranlasst (Krankenhaus, Arzt), verpflichtet, die Blutentnahme, den Versand und den Befundrücklauf der Ergebnisse in einer Weise zu dokumentieren, dass Durchführung und Ergebnis des Screenings dem einzelnen Neugeborenen zugeordnet werden können. Wir liefern zur sicheren Dokumentation der Untersuchung mit den Testkarten Etikettensätze für die Testkarte, das Geburtenbuch und das gelbe Kinderuntersuchungsheft mit. Der Eingang der schriftlichen Befunde sollte dokumentiert werden, am besten im Geburtenbuch oder im Barcodeheft (dafür vorgesehenes Feld bei Befundeingang abhaken). Spätestens wenn zwischen Probenausgang und Befundrücklauf mehr als 8 Tage vergangen sind, sollte in unserem Screeninglabor --(Tel.(089) 544 654 0) oder bei bayerischen Einsendern auch im Vorsorgezentrum des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (Service-Nummer: 09131 6808 5204) nachgefragt werden, um sicher zu gehen, dass keine Probe z.B. auf dem Postweg verlorengegangen ist. Das Etikett im Kinderuntersuchungsheft gibt dem weiterbehandelnden Kinderarzt die Gewissheit, dass das Screening durchgeführt wurde und erleichtert Nachfragen. In Bayern wurde durch den ÖGD ein Tracking-System aufgebaut. Die bei entsprechender Einwilligung der Eltern von uns an das Vorsorgezentrum übermittelten Daten werden mit den Geburtenregistern der Standesämter abgeglichen. Die regionalen Gesundheitsämter nehmen gezielt Kontakt mit den Eltern nicht als untersucht gemeldeter Kinder auf, um diese auf die Bedeutung der Vorsorgemaßnahme hinzuweisen. Die Bedeutung dieses Vorgangs wird deutlich, wenn man sich klarmacht, dass bei einer Gesamtinzidenz der gescreenten Erkrankungen von ca. 1 : 1300 bereits eine Rate von 1% nicht untersuchter Kinder zu einer unnötigen Behinderung pro Jahr in Bayern führt.

Nach den Kinderrichtlinien sind 14 Zielerkrankungen für das Neugeborenen- Screening empfohlen. Details zur Häufigkeit, den Hauptsymptomen und zur Therapie siehe Tabelle 1. Anschließend sind Fehlermöglichkeiten und Störfaktoren zusammengefasst.

NEUGEBORENENSCREENING: ZIELKRANKHEITEN - SYMPTOME - BEHANDLUNG
Erkrankung Häufigkeit Hauptsymptome der unbehandelten
Erkrankung
Grundprinzipien der
Behandlung
Angeborene Hypothyreose (primäre Hypothyreose) 1:4000 neonatal oft asymptomatischoder Ikterus prolongatus, Muskelhypotonie, Trinkschwäche; später schwere Entwicklungsverzögerung, Wachstumsstillstand, Makroglossie, Obstipation; Cave: sekundäre und tertiäre Hypothyreosen werden im TSH-Screening nicht erkannt! zeitlebens Substitution mit L-Thyroxin
Adrenogenitales Syndrom (AGS) 1:11000 Virilisierung ± Salzverlustsyndrom (neonataler Beginn) zeitlebens Substitution von Hydrocortison ± Mineralocorticoid
Biotinidasemangel 1:86000 nach Aufbrauchen angeborener Biotinreserven ausgeprägte metabolische Azidose, Ataxie, Alopezie, Krampfanfälle zeitlebens Gabe vontäglich 5–10 mg Biotin p.o.
Galaktosämie 1:56000 unter Milchzufuhr (Laktose) schwere Leberfunktionsstörung, Ikterus, Gerinnungsstörung, Hepatomegalie, Katarakt (neonataler Beginn), Entwicklungsretardierung zeitlebens Lactose-(Galaktose-)arme Ernährung
Phenylketonurie Hyperphenylalaninämie 1:5100 Entwicklungsverzögerung, bleibender Hirnschaden, schwerer Intelligenzdefekt, Anfallsleiden Phenylalanin-arme Diät, Gabe von Tetrahydrobiopterin
Ahornsiruperkrankung (MSUD) 1:140000 Trinkschwäche, Somnolenz, Hypo- bis Areflexie, veränderter Muskeltonus, Krampfanfälle, respiratorische Insuffizienz, Koma, Maggi-ähnlicher Geruch (neonataler Beginn) akut: Eiweißzufuhrstoppen, anabole Stoffwechselsituationherstellen, evtl. Dialyseverfahrenzeitlebens: Leucin-, Valin- und Isoleucin-arme Diät
Medium-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (MCAD-Mangel) 1:9000 Fieber, Erbrechen, Fastenführen zu katabolen Stoffwechselsituationen mit Hypoglykämie, Krampfanfällen, Koma, Reye-Syndrom-ähnliche Symptomatik (hypoketotische Hypoglykämie, Hepatopathie, Hyperammonämie, Enzephalopathie) (neonataler Beginn möglich) Nüchternperiodenvermeiden, häufige kohlenhydratreiche Mahlzeiten, Carnitin p.o. wird kontroversbeurteilt
Long-Chain-3-OHAcyl-CoA-Dehydrogenasemangel (LCHAD-Mangel) Defekt des mitochondr. trifunktionellen Proteins (TFP-Mangel) selten neonataler Beginn: hypoketotischeHypoglykämie, Lactatazidose, Kardiomyopathie, CK-Erhöhung; später: Reye-ähnliche Symptomatik, Polyneuropathie, Retinopathiapigmentosa Diät mit starker Reduktion langkettiger Fette, Ersatz durch MCT-Fette Carnitin p.o. Nüchternperioden vermeiden, häufige, kohlenhydratreiche Mahlzeiten
Very-Long-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (VLCAD-Mangel) 1:80000 neonataler Beginn möglich wie LCHAD; sonst in den ersten Lebensmonaten Kardiomyopathie+ Reyeähnliche Symptomatik (Hepato-Enzephalopathie) Kohlenhydrat-reiche, fettarme Ernährung, Ersatz durch MCTFette, Nüchternperioden vermeiden
Carnitin-Palmitoyl-Transferase-IMangel (CPT-I-Mangel) selten Fastenintoleranz, Reye-ähnliche Symptomatik (Hepato-Enzephalopathie) Kohlenhydrat-reiche, fettarme Ernährung, Ersatz durch MCT-Fette
Carnitin-Palmitoyl-Transferase-II-Mangel (CPT-II-Mangel) selten neonatale Form mit Myopathie, Kardiomyopathie, Hepatopathie, Reye-ähnliche Symptomatik; adulte Form mit belastungsinduzierter Rhabdomyolyse Kohlenhydratreiche, fettarme Ernährung, Ersatz durch MCT-Fette, Nüchternperioden vermeiden
Carnitin-Acylcarnitin-Translocase-Mangel (CACTMangel) selten hypoketotische Hypoglykämie, Myopathie, Kardiomyopathie Kohlenhydratreiche, fettarme Ernährung, Ersatz durch MCT-Fette, Nüchternperioden vermeiden
GlutarazidurieTyp I (GA I) 1:86000 Makrozephalie, frontotemporale Hirnatrophie, hyperpyretische enzephalopathische Krisen, Entwicklung einer irreversiblen, dyston-dyskinetischen Bewegungsstörung akut: hochkalorische Notfallbehandlung zur Vermeidung enzephalopathischer Krisen + Carnitin; langfristig: proteinarme Diät + Carnitin
Isovalerian 1:73000 neonataler Beginn: Trinkschwäche, Erbrechen, Krampfanfälle, Enzephalopathie, Koma, ausgeprägte Ketoazidose, Schweißgeruch; mildere, spät oder nichtmanifestierende Formen sind häufig akut: Eiweißzufuhr stoppen, anabole Stoffwechselsituation herstellen, Glycin + Carnitin p.o.; langfristig: proteinarme Diät + Carnitin + Glycin p.o.
Fehlermöglichkeiten:
Einflussgrößen:
- Zu frühe Probennahme: Unmittelbar postnatal sind TSH und 17-OH-Progesteron häufig noch erhöht. Außerdem ist nicht bei allen Stoffwechsel-Erkrankungen gesichert, dass das krankheitsspezifische Metabolitenprofil in den allerersten Lebensstunden aufgrund der vorangegangenen diaplazentaren Dialyse bereits ausgeprägt ist. Es ist daher bei Probennahme vor dem Alter von 36 Lebensstunden immer ein Zweitscreening erforderlich.
- Unreife:
- Frühgeborene weisen erhöhte 17-OH-Progesteronwerte auf. Trotz Anpassung der Referenzbereiche führt dieses häufig zu Kontrolluntersuchungen. Durch die Einführung einer ergänzenden Analyse des Steroidhormonprofils aus derselben Filterkarte (2nd-tier) bei erhöhter Konzentration von 17-OH-Progesteron in der Erstmessung wurde die Zahl der falsch positiven Befunde signifikant verringert.
- Die statistische Auswertung der Screeningdaten in Deutschland (DGNS; http://www.screening-dgns.de) ergab bei Frühgeborenen kleiner 32 SSW falsch negative Resultate im Hypothyreose-Screening. Daher ist bis zum Erreichen des Alters von 32 SSW eine TSHKontrolle alle 2 Wochen zu empfehlen (Analyse im Plasma oder per Filterkarte; ein betropftes Feld ist ausreichend). Zusätzlich wird eine Überprüfung des Schilddrüsenstatus am Termin bzw. bei Entlassung des ehemaligen Frühegeborenen empfohlen.
- Therapie:
- Kortikosteroid-Gabe: Falsch normale Befunde für 17-OH-Progesteron und TSH. Kontrolle 5 Tage nach Therapieende erforderlich.
- Katecholamin-Gabe: Falsch normale Befunde für TSH, Biotinidase- Aktivität kann erniedrigt sein. Kontrolle 5 Tage nach Therapieende erforderlich.
- Parenterale Ernährung: Die unspezifische Erhöhung der Aminosäuren kann krankheitsspezifische Profile maskieren. Aufgrund der fehlenden Katabolie wird die Detektion von Fettsäure-Oxidationsdefekten weniger empfindlich. Blutentnahme vier Stunden nach Unterbrechung der Zufuhr.
- Jodexposition: Kann zu falsch positiven TSH-Befunden führen.
Bluttransfusion bzw. FFP-Gabe: falsch normale Befunde bei allen Screeninguntersuchungen möglich. Es soll daher in jedem Fall eine Blutabnahme vor der Transfusion stattfinden, selbst wenn das Kind jünger als 36 Stunden ist. Eine Kontrolle soll 5 Tage nach Transfusion erfolgen. Falls vor der Transfusion keine Blutentnahme erfolgt ist, sind zwei Kontrollen 5 Tage sowie sechs bis acht Wochen nach Transfusion erforderlich.
Störfaktoren::
- Screeningkarte erhitzt: Die dadurch bedingte Zerstörung der Enzymaktivitäten führt zu falsch pathologischen Befunden beim Galaktosämie- und Biotinidase-Screening.
- Kontamination mit Desinfektionsmitteln: Führt ebenfalls zur Zerstörung der Enzym-Aktivitäten.
- Kontamination mit Muttermilch: Falsch auffällige Befunde beim Galaktosämie-Screening.
- Kontamination mit EDTA: Falsch negative Befunde für TSH, 17-OHProgesteron falsch erhöht; Galaktose falsch niedrig.
Zielerkrankungen:
Erweiterung des Screeningumfangs in einem Modellprojekt
Seit August 2012 besteht die Möglichkeit, aus der gleichen Blutprobe kostenlos zusätzlich auf folgende Erkrankungen zu untersuchen:
- Carnitin-Mangel (primär-systemisch; Carnitin-Transporter- Störung): Störung im Transport von freiem Carnitin, welches eine wichtige Rolle beim Abbau von Fettsäuren spielt. Betroffene Patienten entwickeln eine Herzerkrankung sowie eine Muskelschwäche und sind nach längeren Fastenperioden durch lebensbedrohliche Unterzuckerungen gefährdet. Eine wirksame Therapie besteht in der täglichen Einnahme von Carnitin (Häufigkeit: selten)
- Citrullinämie: Störung im Abbau von Aminosäuren, die in den ersten Lebenstagen zu Trinkschwäche, Erbrechen, Krampfanfällen und lebensbedrohlichem Koma führen kann. Behandlung mittels eiweißarmer Diät, Aminosäurengabe und Medikamenten (Häufigkeit ca. 1/60.000 Neugeborene)
- Galaktokinase-Mangel Störung im Stoffwechsel von Milchzucker, die unbehandelt zu einem grauen Star führt. Behandlung mittels Diät (Häufigkeit ca. 1/150.000 Neugeborene)
- Hydroxy-Methyl-Glutaryl-CoA-Lyase-Mangel: Bildungsstörung von Ketonkörpern als Energieträger, die in den ersten Lebenstagen zu Trinkschwäche, Erbrechen, Übersäuerung und niedrigem Blutzucker mit Bewusstseinsstörung sowie lebensbedrohlichem Koma führen kann. Behandlung mittels Vermeidung von verlängerten Fastenperioden sowie Gabe von Flüssigkeit und Bicarbonat in der Krise (Häufigkeit ca. 1/50.000 Neugeborene)
- Hypertyrosinämie Typ I: Störung im Abbau von organischen Säuren, die in den ersten Lebenstagen zu einer schweren Leberfunktionsstörung mit Gelbsucht und Blutungsneigung sowie zu einer Störung der Nierenfunktion führen kann. Behandlung mittels Medikamenten (NTBC) und eiweißarmer Diät (Häufigkeit ca. 1/100.000 Neugeborene)
- Malonazidurie: Störung im Abbau einer organischen Säure, die in der frühen Kindheit zu Entwicklungsverzögerung, Krampfanfällen, Herzfunktionsstörung, Muskelschwäche und Durchfällen führen kann. Behandlung mittels Diät und Carnitin (Häufigkeit: selten)
- Methylmalonazidurie: (Störungen im Vitamin B12-Stoffwechsel) Störung im Abbau von Aminosäuren und Fettsäuren, die in den ersten Lebenstagen zu Trinkschwäche, Erbrechen, Übersäuerung, Krampfanfällen und lebensbedrohlichem Koma führen kann. Behandlung mittels eiweißarmer Diät, Aminosäuren- und Carnitingaben sowie Medikamenten bzw. Gabe von Vitamin B12 (Häufigkeit jeweils ca. 1/50.000 Neugeborene)
- Multipler Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel: Störung im Abbau von Fettsäuren, Aminosäuren und organischen Säuren, die in den ersten Lebenstagen zu Trinkschwäche, Erbrechen, Übersäuerung, Herzfunktionsstörung und lebensbedrohlichem Koma führen kann. Behandlung mittels Diät, Aminosäurengabe und Medikamenten (Häufigkeit: selten)
- Propionazidämie: Störung im Abbau von Aminosäuren und Fettsäuren, die in den ersten Lebenstagen zu Trinkschwäche, Erbrechen, Übersäuerung, Krampfanfällen und lebensbedrohlichem Koma führen kann. Behandlung mittels eiweißarmer Diät, Aminosäuren- und Carnitingaben sowie Medikamenten (Häufigkeit ca. 1/50.000 Neugeborene)
- Remethylierungs-Störungen: (MTHFR, CblD, CblE, CblG) Störung in der Bildung der Aminosäure Methionin, welche in den ersten Lebenstagen zu akuten neurologischen Krisen führen kann. Zusätzlich kann die Blutbildung beeinträchtigt sein. Ältere Kinder entwickeln eine geistige Behinderung und sind durch akute, lebensbedrohliche Krisen gefährdet. Behandlung mittels Gabe von Vitaminen (Häufigkeit: selten)
Hochrisiko-Screening bei Kindern mit Verdacht auf Stoffwechseldefekt und Therapiekontrollen
Bei klinischem Verdacht auf einen Stoffwechseldefekt (z.B. Entwicklungsretardierung unklarer Genese) ist das unauffällige Neugeborenen- Screening als „geloscht“ zu betrachten und eine metabolische Agklärung einzuleiten. Primär sinnvoll ist die Untersuchung der Aminosäuren und Acylcarnitine sowie die Messung der Biotinidase (Vollblut auf Filterkarte). Je nach Symptomatik folgen ergänzende Untersuchungen (Aminosäuren quantitativ im Plasma, organische Säuren im Urin, Carnitin/Acylcarnitine im Plasma/Serum, CDGDiagnostik (siehe auch jeweils dort) u.a.)
Sehr hilfreich ist die Analyse der Phenylalanin-Konzentration bei Patienten mit Phenylketonurie zur Überprüfung der diatetischen Einstellung (Vollblut auf Filterkarte). Dies erlaubt ein schnelles und zeitnahes Homemonitoring bei gleichzeitiger Benachrichtigung der Patienten (bzw. deren Eltern) und der behandelnden Ärzte. Analog dazu erlaubt die Messung des Carnitin/Acylcarnitine im Plasma/Serum (siehe auch dort) Therapiekontrollen u.a. für MCAD- und VLCADMangel sowie für organische Azidämien (Propion-, Methylmalon-, Isovalerianazidämie).
Zystische Fibrose (Mukoviszidose, CF)
Im Laufe des Jahres 2016 wird vermutlich in Deutschland ein flächendeckendes Neugeborenen-Screening auf Zystische Fibrose (CF) eingeführt (Screening auf Zystische Fibrose, Gemeinsamer Bundesausschuss, 30.07.2015, www.g-ba.de). Dies erfolgt
gemeinsam mit dem etablierten Screening mittels Vollblut auf Filterkarte. Aufgrund der Erfahrung aus anderen Ländern erlaubt eine frühe Diagnosestellung den prompten Beginn einer kompetenten Therapie, die Senkung der Zahl schwerer Krankheitsverläufe sowie die Verlängerung der Überlebenszeit bei höherer Lebensqualität.
CF ist eine autosomal-rezessiv vererbte Stoffwechsel-erkrankung. Die Prävalenz in Deutschland liegt bei ca. 1:3000; jährlich werden etwa 200 bis 300 Kinder mit CF geboren. Die gestörte Funktion von Chloridkanälen führt zu einer erhöhten Viskosität aller Sekrete exokriner Drüsen. Es handelt sich somit um eine Multisystemerkrankung, wobei klinisch vorwiegend die Lunge, die Bauchspeicheldrüse und die Gallenwege betroffen sind.
Das CF-Screening folgt einem dreistufigen Algorithmus:
Stufe 1: Immunreaktives Trypsin (IRT)
- Neugeborene mit CF weisen erhöhte IRT-Konzentrationen auf. Der Verdacht auf CF besteht, wenn IRT ≥ der 99.9. Perzentile liegt. Aufgrund der relativ niedrigen Spezifität folgt bei IRT ≥ 99.0. und kleiner 99.9. Perzentile die Stufe 2.
Stufe 2: Pankreas Assoziiertes Protein (PAP)
- Neugeborene mit CF weisen erhöhte PAP-Konzentrationen auf. Als Startcutoff gilt 1.6 µg/l. Der Verdacht auf CF besteht, wenn IRT ≥ der 87.5. Perzentile liegt. Bei auffälligen Neugeborenen schließt sich die Stufe 3 an.
Stufe 3: DNA-Mutationsanalyse des CFTR-Gens
- Im Rahmen der Untersuchung des Cystic Fibrosis Transmembrane Regulator (CFTR)-Gens wird nach 31 Mutationen gesucht (siehe auch Zystische Fibrose). Mit dem Test auf die häufigste Mutation, Δ F508, werden über 75 % der CFTR-Mutationen bei deutschen Patienten aufgedeckt. Milde Mutationen werden nicht untersucht, da die Patienten erst im fortgeschrittenen Alter Symptome entwickeln und eine frühe Diagnose und Therapie eine unnötige Belastung nach sich ziehen würden.
Da Neugeborene aus Familien mit Migrationshintergrund ein divergierendes Mutations-Spektrum aufweisen, erfolgt ein „failsafe-Verfahren“, um eine Gleichbehandlung verschiedener ethnischer Gruppen zu erzielen. Das Vorgehen besteht darin, alle Neugeborenen mit IRT ≥ der 99.9. Perzentile ohne Zwischenschritt einer Mutationsanalyse einem Schweißtest zuzuführen.
Das Screening gilt als positiv bei IRT ≥ 99,9. Perzentile oder Nachweis mindestens einer CFTR-Mutation. Bei all diesen Neugeborenen erfolgt ein Schweißtest (Chloridmessung) sowie eine klinische Abklärung in einer anerkannten CF-Einrichtung.
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Aktualisiert: 27.07.2016 17:11 Uhr